Hochwasser im
Nationalpark Unteres Odertal
Zur
Auenlandschaft gehören schwankende Wasserstände. Großräumige periodische
Überflutungen sind auch im Nationalpark Unteren Odertal ein gewohntes Bild. Sie
zeigen den Wert von Polderflächen für den Hochwasserschutz der umliegenden
Ortschaften und Industrieansiedlungen. Weiträumige Flußauen mit
Retentionsflächen für schwankende Wasserstände sind zudem die artenreichsten
Lebensräume in Mitteleuropa und aufgrund ihrer Seltenheit von besonderem
ökologischem Wert.
Das extreme Hochwasser
im Sommer 1997 brachte allerdings auch für die Fauna und Flora im unteren
Odertal eine Situation, aus der sich nicht alle Tiere schwimmend oder fliegend
retten konnten. Die Intensität und der ungewöhnliche Zeitpunkt des Hochwassers
trafen das Leben in der regulierten Flussaue unvorbereitet. Die alljährlich
auftretenden Winter- und Frühjahrshochwasser finden außerhalb der eigentlichen
Vegetations- bzw. Brut- und Setzzeiten statt. Schon einige Stunden nach Flutung
der Polder sammelten sich auf den höher gelegenen Bereichen eine ganze Anzahl
von Säugetieren wie Rehe, Füchse aber auch Wildschweine. Etliche ließen in den
Fluten ihr Leben und dienten bei Rückgang des Wassers den zahlreichen Adlern
als Nahrung. Kleinsäuger wie Mäuse, Spitzmäuse oder Maulwürfe gelangten in den
meisten Fällen schwimmend an sichere Orte oder wurden passiv weggetrieben. Auch
viele Frösche waren an den höher gelegenen Deichen zu beobachten. Dort wurden
sie für Weißstörche und Graureiher eine leichte Beute. Mit Rückgang des
Hochwassers erhöhte sich die Zahl der Graureiher im Unteren Odertal auf über 2.000
Tiere.
Zu Verlusten
kam es besonders bei gebüsch- und bodenbrütenden
Arten, deren Jungen im Juli noch nicht flügge waren. Totale Brutverluste
erlitten z. B. Wachtelkönig, Tüpfel- und Wasserralle,
Bekassine, Schafstelze, Teich-, Schilf- und Seggenrohrsänger, Feld-, Schlag- und Rohrschwirl,
Wiesenpieper, Bartmeise, Gold- und Rohrammer.
Ab Mitte
August, mit sinkenden Wasserständen zeigte sich der Nationalpark in einem ganz ungewohnten
Bild. Weiden, Pappeln und Ulmen hatten den hohen Wasserstand überstanden. Die
abgestorbenen Wiesenpflanzen waren von einer dichten Algenwatte überzogen. Für
die Vogelwelt schien das untere Odertal in den Wochen nach dem Hochwasser ein
wahrer Futterplatz zu sein. Unter den Greifvögeln erschienen verstärkt Rohrweihen
und bis zu 40 Seeadler. Als seltene Gastvogelarten wurden Kuhreiher,
Purpurreiher und mehrmals Silberreiher gesehen. Verendete Säugetiere und die
der Sauerstoffarmut zum Opfer gefallenen Fische wurden von den vielen Reihern
und Greifvögeln zügig beseitigt. Mit dem stark fallenden Hochwasser im
Überflutungsgebiet erreichten Ende August die Rastzahlen verschiedener
Vogelarten im Nationalpark Höchstzahlen. Auf den großflächigen Schlamm- und
Schlickflächen rasteten ca. 18.000 Kiebitze, 1.600 Bruchwasserläufer, 270
Grünschenkel, 340 Dunkle Wasserläufer, 80 Sichel- und 210 Zwergstrandläufer.
Auf Flächen, die teilweise mit Grasstoppeln und/ oder Rohrglanzgrasbeständen
durchsetzt waren, konzentrierte sich das Vorkommen von ca. 8.000 Bekassinen. An Stellen mit Schwemmsandablagerungen rasteten
in größerer Zahl Sandregenpfeifer und ein Seeregenpfeifer. Die Gründelenten
erreichten in der ersten Septemberdekade hohe Durchzugszahlen, z. B. ca. 9.000 Krickenten, 950 Knäkenten, 2.600
Pfeifenten, 17.000 Stockenten, 850 Schnatterenten, 2.400 Löffelenten.
Das Geschehen
im Jahr 1997 und die Entwicklungen in der Tier- und Pflanzenwelt der folgenden
Jahre haben deutlich gezeigt: Das Leben und Sterben mit dem Hochwasser stellt
für die Natur keine Katastrophe als solche dar, sondern gehört trotz des
seltenen Auftretens zu den typischen Erscheinungen natürlicher Auen.
Nationalpark
Unteres Odertal